Wie soll man innovieren, wenn man es sich schon gar nicht denken traut?

Ein Interview mit Hermann und Thomas Neuburger.

Wir haben heute mit einem durch und durch innovativen Unternehmerteam aus Vater und Sohn gesprochen. Hermann und Thomas Neuburger aus dem Mühlviertel stehen hinter der Marke HERMANN, unter der sie als Marktführer vegetarische Produkte auf Basis des Kräuterseitlings herstellen. Auf ihr Verarbeitungsverfahren haben sie in Europa ein Patent. Die Idee entstand durch Hermann Neuburger, der sich als Fleischwarenerzeuger in der Verantwortung sah, eine Alternative zu schaffen. Für unsere Umwelt und Gesundheit.

AnyIdea: Mit dem Hintergrund eines Fleischereibetriebes: Wie kommt man auf HERMANN?

Hermann Neuburger: Es ist einfach dem Gedanken entsprungen, dass sich die Fleischproduktion bzw. Tierhaltung sehr stark verändert haben, und ich da in der ersten Reihe gesessen bin. Mit dem war ich schon lange unzufrieden, weil ich denke, es ist jeder Mensch für sich selbst verantwortlich, für das was er macht und wie er sich ernährt. Und bei den Bedingungen in den Fleischereibetrieben muss man darüber nachdenken, ob das so in Ordnung ist. Das war ein langer Prozess bei mir bis ich dann gesagt habe, ich möchte weiterhin hochwertige Nahrungsmittel herstellen, aber aus einem anderen Rohstoff als Fleisch.

AnyIdea: Der Kräuterseitling ist dabei sicherlich nicht das Erste gewesen, an das man denkt.

Hermann Neuburger: Richtig. Ich habe vor etwa 10 Jahren angefangen nach Alternativen zu suchen und erkannt, dass es in Europa eigentlich kein Wissen gibt, wie man gute Fleischersatzprodukte erzeugt. Und so bin ich nach verschiedensten Recherchen immer wieder auf Asien gestoßen, und hab mich dann letztendlich dorthin aufgemacht. Ich habe viele Reisen unternommen nach Asien – Thailand, China, Japan. Ich habe zwar kein fertiges Produkt oder Verfahren gefunden, aber drei Rohstoffgruppen habe ich mitnehmen können: Soja, Seitan und Pilze. Auf die Pilze sind wir immer wieder bei Besuchen in vegetarischen Restaurants gestoßen.

AnyIdea: Sie gelten heute als Leuchtturm im Bereich Lebensmittel und Innovation. Was glauben Sie war der Grund, dass Sie es geschafft haben?

Hermann Neuburger: Ich denke meine eigene Überzeugung war sicherlich der Ursprung und ist der Motor. Aber man muss natürlich auch ein entsprechendes Team formen. So ein Projekt kann man alleine nicht umsetzen. Begonnen hat es mit einem dreiköpfigen Team im Unternehmen. Die Leute habe ich natürlich auch erst überzeugen müssen. Aber sie haben sehr schnell verstanden worum es geht. Und das Team hat sich dann langsam auf 10 Personen erweitert. Dann ist auch mein Sohn Thomas dazugekommen, der ebenfalls meine Überzeugung teilt. Ich sage immer: Der Chef kann eine gute Idee haben, er braucht aber mehr Leute dazu, um die Idee umzusetzen.

AnyIdea: Fand die Entwicklung von HERMANN intern im Team oder unter Einbeziehung eines breiteren Umfeldes statt?

Thomas Neuburger: Hauptsächlich ist es im kleinen Team passiert. Aber dadurch, dass wir Unternehmer sind, haben wir die Entwicklung natürlich immer mit ins Private getragen. Unsere Familien haben sozusagen mitgehen und mitleiden müssen. Am Anfang haben wir auch einen Feldversuch mit einem lokalen Gastronomen gestartet. Denn wenn das Produkt in ein anderes Umfeld getragen wird, bekommt man dadurch eine ganz andere Sichtweise, als wenn man es isoliert im Labor testet. So haben wir immer geschaut, dass wir Felderfahrungen machen. Wir haben uns keine externe Hilfe oder einen Berater geholt, uns war es wichtig, es intern zu entwickeln. Wir haben aber durchaus geschaut, dass wir sehr viele verschiedene Meinungen bekommen.

AnyIdea: Es hat ja kein Know-how über die Verarbeitung des Kräuterseitlings gegeben. Habt ihr daher auf externes Wissen zugegriffen oder war das internes learning-by-doing?

Thomas Neuburger: Nein, es war tatsächlich alles learning-by-doing. Wir bringen industrielles Know-how aus der Neuburger Lebensmittelverarbeitung mit, die Erfahrung aus dem sensiblen Hygienebereich hat uns geholfen. Wir haben aber auch sehr viel Neues lernen müssen. Dabei hätte uns keiner helfen können, denn das Produkt gab es nicht. Es war eher so, dass wir Externen zeigen mussten, wie es geht.

Hermann Neuburger: Es war eigentlich eine Mischung aus mehreren Bereichen. Ich bin ja auch gelernter Koch, und auch im Team gibt es einige Köche. Also haben wir dann ganz unkonventionell zusammengearbeitet. Für unser entwickeltes Verfahren haben wir auch ein europaweites Patent bekommen, da das Verfahren neu ist.

AnyIdea: Welche Ziele in der Weiterentwicklung von HERMANN sind euch wichtig und wie sichert ihr euren Erfolg?

Hermann Neuburger: Das allerwichtigste ist, im Kopf des Konsumenten der Erste zu sein. Das ist die beste Absicherung, damit ist jeder Nachahmer chancenlos. Wir haben natürlich auch einen gewissen Vorsprung der nicht so leicht einzuholen sein wird. Vor so einem Projekt darf kein zeitliches oder finanzielles Budget stehen, sondern man muss geduldig dranbleiben, bis man Lösungen findet. Der Kräuterseitling wird nur in sehr knappen Mengen produziert und ist am Markt nicht zu kaufen. Die Nachfrage steigt momentan stärker als die Produktion nachkommt. Mit dem Aufbau unserer eigenen Kräuterseitling-Zucht sind wir eine weitere riesige Aufgabe angegangen, das war ebenfalls Neuland für uns. Erstens das Know-how zu beschaffen, Kräuterseitlinge wirtschaftlich zu züchten, und zweitens die Investition zu tätigen. Das sind gewisse Anstrengungen, die andere nicht so schnell nachahmen können.

AnyIdea: HERMANN und Open Innovation: Erhalten und hören Sie auf Feedback vom Kunden?

Hermann Neuburger: Selbstverständlich. Wir haben ein sehr aktives Community Management. Wir haben zudem 15 Mitarbeiter im Außendienst, die täglich Verkostungen im Einzelhandel machen – Billa, Spar, Edeka, Rewe: So bekommen wir knapp 200.000 Kundenkontakte und direktes Feedback. Das ist uns sehr wichtig. Das Feedback muss man natürlich immer in Relation setzen, man darf sich da nicht verrückt machen lassen von gewissen Gruppen. De facto kauft der Konsument und nicht wir.

AnyIdea: Wie schaut dieser Prozess aus?

Hermann Neuburger: Anregungen oder auch eine Reklamation kommen über den Vertrieb oder das Qualitätsmanagement zur Geschäftsleitung. Das heißt, jedes Kundenfeedback liegt bei uns auf dem Tisch. Da reagieren wir dann natürlich drauf. Es kann immer ein Fehler unterlaufen, das wollen wir natürlich vermeiden und aus den Fehlern lernen. Es heißt ja nicht, dass wir schon alles wissen. Also nehmen wir jede Kundenanfrage an.

AnyIdea: Kundenwünsche finden also Gehör? 

Hermann Neuburger: Ja, auf jeden Fall, auch das landet bei uns in der Geschäftsleitung. Es kann dann durchaus sein, dass wir uns dann zusammensetzen und darüber in unserem Team sprechen. Und dann ist es unsere Entscheidung ob wir in die Richtung gehen, ja oder nein. Aber wir schauen uns wirklich jede noch so spannende oder eigenartige Anfrage vom Kunden an.

AnyIdea: Gibt es noch etwas was sie abschließend zum Thema Innovation sagen möchten?

Thomas Neuburger: Ein Bekannter von uns sagt immer: Geht nicht, gibt’s nicht! Wie soll man zu Innovationen kommen, wenn man es sich schon gar nicht denken traut? Ich sehe immer wieder, dass viele Menschen dieses Mindset haben und sagen, “das kann ich mir nicht vorstellen”. Wenn man es einfach ‘mal probiert hat man eine 50% Wahrscheinlichkeit, dass es funktioniert. Klar, man geht immer ein Risiko ein, aber die Erfolgschance ist doch immer relativ hoch. Oft ist es wirklich einfach nur ausprobieren. Man beschäftigt sich dann intensiver mit einem Thema. Es ist auch ein großer Teil unserer Innovationen durch die Mitarbeiter gekommen. Man muss das Ganze also nicht alleine schaffen. Aber trotzdem muss man sich tief und eingehend mit einem Thema beschäftigen, 24/7. Das sieht man bei vielen Unternehmen oder Start-ups, die haben einfach ein intensives Interesse an einer Sache gehabt. Daraus entsteht Erfolg. Dann passiert Innovation. Wenn man sich intensiv mit der Sache beschäftigt, findet man auch Lösungen.

Hermann Neuburger: Für uns ist es auch einfach eine Lebenseinstellung. Es gibt auch die Leute, die lieber bestehende Dinge bewahren und nicht so gerne Änderungen haben. Und es gibt Menschen, die neugierig sind und schnell gelangweilt sind, dazu gehöre ich offensichtlich. Wir feiern leider auch kaum Erfolge, weil wir dann immer schon im nächsten Projekt sind. Ich halte mich an Heraklit der gesagt hat, das einzig Beständige ist der Wandel.

Das ist eine Lebenseinstellung und wenn man die nicht hat, hat man überall Probleme, egal ob privat oder beruflich. Wir sagen nicht, Innovation ist irgendein Thema im Unternehmen, sondern Innovation ist normales Denken, ständig mit der Zeit zu gehen. Das ist überall so. Alles verändert sich. Und wenn man das positiv sieht, tut man sich viel leichter im Unternehmen, als wenn man den Wandel bremsen möchte.

AnyIdea bedankt sich sehr herzlich bei Hermann und Thomas Neuburger für das Interview.

www.hermann.bio